Liebes Lipödem – auf ein Wort …

Als mir die Idee zu diesem Blogpost kam, war ich mir nicht ganz sicher, ob ich ihn wirklich verfassen soll. Als der Post dann geschrieben war, war ich mir immer noch nicht ganz sicher, ob ich ihn nun auch tatsächlich veröffentlichen sollte.

Denn in letzter Zeit ist mir die allgemeine Stimmung in den Lipödem-Gruppen, doch etwas – fremd.
Ich erkenne mich nicht wieder in den vielen depressiven „Ich will ja nicht jammern, aber…„-Postings, die durchweg davon berichten wie furchtbar die Erkrankung Lipödem ist, welche Nachteile man physisch und psychisch davon hat und das die Welt generell total ungerecht ist.

Ok – finde ich nicht. Ich erkenne mich in diesem mindset einfach nicht wieder.

Deswegen habe ich mich hingesetzt, habe mir Gedanken gemacht und kam zu dem Schluss, dass es Zeit wird für ein ernsthaftes Gespräch.
Ein paar offene, ehrliche Worte darüber, wie ich mich fühle, was ich bisher erlebt habe und weswegen mein Leben trotzdem super, auch mit oder gerade wegen dem Lipödem.


Liebes Lipödem

Wir kennen uns jetzt schon eine Weile und ich finde, wir sollten mal reden.
Über dich, mich, uns – über alles eben, was wir bisher zusammen erlebt haben.

Zu allererst: ich habe dich nie gebeten Teil meines Lebens zu sein. Ich kam ziemlich gut zurecht ohne dich. Aber dann warst du halt eines Tages da und irgendwie musste ich lernen mit dir klar zu kommen.
Das war nicht immer einfach, das wissen wir beide, aber du hast mir auch nie unüberwindbare Hindernisse in den Weg gelegt.
Es war eher wie ein Dreibein-Rennen statt einem gewöhnlichen Lauf. Erst mal musste ich mich an die Situation gewöhnen, wir mussten uns aufeinander abstimmen und dann lief es aber auch.

Wärst du eine Person auf einer Party, würdest du laut brüllend auf den Tischen tanzen. Furchtbar betrunken und unglaublich peinlich.
Mit deiner Art ziehst du eben alle Blicke auf dich. Im nicht ganz positiven Sinne.
Andere die dich nicht kennen starren dich an, gaffen blöd, schütteln den Kopf oder machen sich über dich lustig.
Aber wer dich kennt, der weiß, so bist du eben.
Und dann muss man sich entscheiden: entweder tanzt man mit dir oder grämt und fremd-schämt sich für dich.
Alles Einstellungssache oder eine Frage des Blickwinkels – und ich bin und bleibe eben ein optimistischer Realist.

Ich möchte dir danken…

Nicht für die Schmerzen, die dellige Haut oder dass ich mich dank dir jeden Tag in enge Kompressionswäsche quetschen darf. Absolut nicht.

Aber dafür, dass ich dank dir mehr und besser auf mich achte.
Du verbietest mir nichts, aber weißt mich doch recht eindrücklich darauf hin, dass manche Dinge einfach nicht ganz so gut für mich sind.
Nicht wegen dir bin ich selbstbewusst geworden, das war ich schon immer.
Du hast mich jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass es viele gibt, denen es schwerer fällt als mir mit dieser Erkrankung umzugehen. Denen ich etwas Mut zusprechen möchte mit dem was ich mache, mit dem was ich hier schreibe.
Vielleicht tanzen sie niemals mit dir auf den Tischen, aber vielleicht können sie zumindest mit ihren Füßen im Takt mit wippen.

Und nicht zu vergessen, die „Anderen“, die keinen Schimmer von dieser Erkrankung haben oder überhaupt ahnen, dass es sie gibt. Diejenigen, die blöd glotzen, tuscheln und kichern. Denen möchte ich mit dir gemeinsam einfach verbal in den Arsch treten und fragen: „habt ihr keine Manieren beigebracht bekommen oder seid ihr einfach zu feige zu fragen, warum ich so aussehe wie ich aussehe?!“
Denn die Zeit der Aufklärung ist nicht nur eine geschichtliche Epoche des 18. Jahrhunderts, wissenswert für das Deutsch-Abitur.

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Aber mal Spaß beiseite. Lipödem, wir beide sind schon gutes Team.

Durch dich habe ich zudem einige wunderbare Menschen kennen lernen dürfen, die für mich Inspiration, Motivation und gleichzeitig Freund geworden sind.
Ohne dich, hätten sich unsere Wege wahrscheinlich nie gekreuzt und das wäre unheimlich schade.

Du – Lipödem Stadium 2, in den Formen Typ 3 (Hüfte, Ober- und Unterschenkel) sowie Typ 4 (Arme) – ich definiere mich nicht über dich und lasse mein Leben nicht von dir bestimmen oder mich für dich bemitleiden. Eine chronisch fortschreitende (=progrediente) Erkrankung ist kacke, aber kein Grund für Falten in der Latzhose meiner guten Laune.
Daran erinnerst du mich immer wieder – danke.

Das Leben ist nicht immer fair, aber es hat einen großartigen Sinn für Humor.

3 Kommentare zu „Liebes Lipödem – auf ein Wort …

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